Ernte von Samenmischungen aus artenreichem Grünland

Die folgende Methodenbeschreibung haben wir bis auf wenige Änderungen dem „Praxishandbuch zur Samengewinnung und Renaturierung von artenreichem Grünland“ entnommen, an dem wir als Projektpartner des EU-Interreg-Projekts „Salvere“ beteiligt waren. Hintergrund: Neben der landwirtschaftlichen Vermehrung von gebietsheimischen Wildarten zur Saatgutgewinnung bietet es sich bei manchen Renaturierungsprojekten auch an, Samen direkt von Spenderflächen zu ernten. Diese werden jedoch immer seltener.
Noch ursprüngliche, artenreiche Wiesen beherbergen die für die Region typischen Unterarten und Ökotypen in regionaltypischer Artenzusammensetzung. Aufgrund der spezifischen Anpassungen der Pflanzenarten an die jeweiligen Standortverhältnisse müssen Spenderund Empfängerfläche jedoch vergleichbare Standortbedingungen aufweisen. Temperatur, Höhenlage, Nährstoff- und Wasserversorgung des Bodens sowie dessen pH-Wert sollten ähnlich sein. Ferner sollte die spätere Nutzung mitbedacht werden. Um mit einem angemessenen organisatorischen, technischen und finanziellen Aufwand gute Ergebnisse zu erzielen, sind Mähgutübertragung, Wiesendrusch und das Ausbürsten von Samen aus artenreichen Spenderflächen aus unserer Sicht die geeignetsten Methoden.

Frisches Mahdgut

Zur Gewinnung von frischem samenreichen Mahdgut wird die Spenderfläche zu einem Zeitpunkt gemäht, an dem möglichst viele Zielarten fruchten (Donath et al. 2007, Hölzel & Otte 2003). Während Frischwiesenund Halbtrockenrasen bereits ab Ende Juni beerntet werden können, ist eine Ernte in Feucht- und Nasswiesen erst ab Anfang September empfehlenswert. Generell verringert eine spätere Ernte den Grasanteil in der Mischung und fördert damit die Etablierung von krautigen Arten (Hölzel & Otte 2003). Allerdings sollten Wiesentypen, die an Schnitttermine im Juni / Juli angepasst sind, nicht jedes Jahr spät gemäht werden, da ansonsten das typische Artenspektrum verloren geht. Um den Anteil der Kräuter zu erhöhen, kann auch ein zweiter Schnitt Ende August / Anfang September erfolgen. Am ertragsreichsten ist eine Mahd am frühen Morgen, wenn die Samen durch den Tau noch gut an den Pflanzen haften und das frische Mahdgut ohne große
Verluste direkt auf der Empfängerfläche ausgebracht werden kann. Der Erfolg der Maßnahme wird dabei entscheidend von der Empfängerfläche beeinflusst; auf Rohböden sind die Übertragungsraten generell höher. Soll ein größeres Artenspektrum übertragen werden, können mehrere Erntetermine kombiniert und das gemähte und dann getrocknete Material eingelagert werden. Beim Trocknen und Schwaden auf der Fläche (Heumulch) und bei der Lagerung geht jedoch ein großer
Teil der Samen verloren. Die Anzahl keimfähiger Samen im Mahdgut ist von verschiedenen Faktoren, wie z. B. Wiesentyp, Management (1./2. Schnitt), Tageszeit und Erntezeitpunkt, abhängig.

Wiesendrusch

Beim Wiesendrusch-Verfahren wird eine artenreiche Wiese mit einem Mähdrescher gemäht und das Mahdgut im selben Arbeitsgang gedroschen. Bei zweimaligem Drusch auf ebenen großen Flächen ist mit Kosten von ca. 0,30 €/m² zu rechnen. Die Schnitttiefe ist dabei variabel einstellbar und bestimmt neben dem Erntezeitpunkt Artenzusammensetzung und Samenausbeute. Frischwiesen können bereits ab Ende Juni beerntet werden, wobei dann der Grasanteil im Druschgut überwiegt. Will man den Grasanteil zugunsten der Kräuter verringern, ist ein Druschtermin ab Ende Juli empfehlenswert, wobei der übliche Mahdtermin für die Samenernte nicht jedes Jahr verzögert werden sollte, um die typische Artenzusammensetzung der Wiesen dauerhaft zu erhalten. In Feucht- und Nasswiesen ist eine Beerntung erst ab
Anfang September sinnvoll. Alle Termine können sich witterungsbedingt (trockene / nasse Sommer) verschieben. In dichten Beständen ist mit kleinen Geräten nur eine Schnitttiefe über 30 cm möglich, da es sonst dauernd zu Blockaden kommt; dies führt dazu, dass niedrigwüchsige Arten nicht erfasst werden. Solche Bestände können auch geschwadet und danach gedroschen werden. Bei Flächengrößen über 0,5 ha sind Mähdrescher mit Schneidwerksbreiten von mehr als 2,5 m empfehlenswert. Generell sollte der Direktdrusch in gut abgetrockneten Beständen, das Schwaden dagegen im feuchten Zustand durchgeführt werden. Das Samenmaterial kann frisch oder trocken auf die Empfängerfläche aufgetragen werden. Im letzteren Fall muss es luftig getrocknet und anschließend kühl und trocken gelagert werden. Durch die Lagerung ist es auch möglich, einen frühen und einen späten Druschtermin zusammen auszubringen. Um Wiesendrusch mit
landwirtschaftlichen Sämaschinen ausbringen zu können, muss das Material vorgereinigt werden; dafür sollte eine Siebgröße von 3-6 mm verwendet werden. Ungereinigtes Material kann aber problemlos von Hand ausgesät werden.

Ausgebürstete Samen

Das Ausbürsten von Samen aus dem stehenden Bestand erfolgt mittels Spezialgeräten, die von einem Traktor gezogen werden. Im englischen Sprachraum sind die Begriffe „seed stripper“ (Scotton et al. 2009) und „seed brusher“ (Edwards et al. 2007) gebräuchlich. Die Artenzusammensetzung ist stark vom Zeitpunkt der Beerntung, von der Bestandsstruktur und von der Vorgehensweise abhängig (Scotton et al. 2009). Wenn die Maschine langsam und mit hoher Bürstenrotation arbeitet, dann ist die Samenausbeute hoch, aber auch unreife Samen werden unter Umständen abgebürstet. Wird die Maschine dagegen schnell und mit niedriger Bürstenrotation durch den Bestand gezogen, ist die Samenausbeute geringer, aber die Fläche kann mehrfach beerntet werden. Niedrigere Bestände (35-65 cm) sind für eine Beerntung besser geeignet als hohe Bestände (70-100 cm) (Scotton et al. 2009).